Studie warnt vor Rohstoffabhängigkeit der europäischen Luftfahrtindustrie
Eine neue Analyse von Roland Berger sieht die Versorgung mit kritischen Rohstoffen als zunehmendes Risiko für die europäische Luftfahrt- und Verteidigungsindustrie. Besonders die starke Abhängigkeit von China und Russland bei der Verarbeitung und Förderung wichtiger Materialien könnte die Produktion künftig erheblich beeinträchtigen.
Die Unternehmensberatung Roland Berger warnt in einer neuen Studie vor wachsenden Versorgungsrisiken bei kritischen Rohstoffen für die europäische Luftfahrt- und Verteidigungsindustrie. Demnach konzentriert sich die Förderung und vor allem die Verarbeitung zahlreicher Schlüsselrohstoffe auf wenige Staaten, insbesondere China und Russland. Angesichts geopolitischer Spannungen und einer weltweit steigenden Nachfrage könnten diese Abhängigkeiten die Produktion von Luft- und Raumfahrtsystemen zunehmend gefährden. Die Autorinnen und Autoren sehen deshalb Handlungsbedarf bei Industrie und Politik, um die Versorgung langfristig widerstandsfähiger zu gestalten.
Untersuchung analysiert Rohstoffabhängigkeiten entlang der Lieferkette
Die Studie untersucht die Bedeutung kritischer Rohstoffe für die europäische Luft- und Raumfahrt sowie den Verteidigungssektor. Im Mittelpunkt stehen Materialien, die für militärische und zivile Luftfahrtsysteme unverzichtbar sind und für die es derzeit kaum oder keine gleichwertigen Alternativen gibt. Analysiert werden sowohl die globale Verfügbarkeit als auch die Abhängigkeiten entlang der Lieferkette, von der Rohstoffgewinnung über die Verarbeitung bis zur Endmontage.
Als Grundlage dienen unter anderem die zwölf kritischen Rohstoffe, die von der NATO als besonders sicherheitsrelevant eingestuft werden. Dazu gehören unter anderem Titan, Aluminium, Wolfram, Kobalt, Lithium, Gallium, Germanium sowie Seltene Erden. Ergänzend verweist die Studie auf den European Critical Raw Materials Act, der insgesamt 35 Rohstoffe als entscheidend für die strategische Autonomie und Versorgungssicherheit Europas einstuft.
Luftfahrt besonders von Titan und Seltenen Erden abhängig
Für den Aerospace-Sektor hebt die Studie insbesondere die Abhängigkeit von Titan und Seltenen Erden hervor. Titan wird unter anderem für Flugzeugstrukturen und Triebwerke benötigt. Nach Angaben der Autoren stammen rund die Hälfte des weltweit verfügbaren hochwertigen Titanschwamms aus China und Russland. Für das kommende Jahrzehnt rechnen sie mit einer kumulierten Versorgungslücke von rund 100 Kilotonnen.
Auch bei Seltenen Erden sieht Roland Berger erhebliche Risiken. China kontrolliert demnach rund 90 Prozent der weltweiten Verarbeitungskapazitäten. Gleichzeitig steigt der Bedarf durch Elektromobilität und Energietechnologien deutlich an, wodurch Luft- und Raumfahrtunternehmen künftig verstärkt mit anderen Industriezweigen um begrenzte Rohstoffmengen konkurrieren könnten.
Als mögliche Gegenmaßnahmen nennt die Studie den Ausbau der europäischen Rohstoffförderung und Verarbeitung, eine stärkere Nutzung von Recycling sowie die Entwicklung alternativer Werkstoffe. Alle drei Ansätze seien jedoch mit Einschränkungen verbunden. Neue Förderkapazitäten erforderten hohe Investitionen und lange Vorlaufzeiten, Recycling könne den Bedarf derzeit nicht vollständig decken und Ersatzmaterialien stünden für viele Anwendungen aufgrund der spezifischen Materialeigenschaften nicht zur Verfügung.
Vor diesem Hintergrund empfehlen die Autorinnen und Autoren Unternehmen der Luft- und Raumfahrt, ihre kritischsten Rohstoffabhängigkeiten systematisch zu analysieren, alternative Bezugsquellen aufzubauen und gemeinsam mit Industriepartnern sowie staatlichen Stellen Strategien zur Absicherung der Lieferketten zu entwickeln. Langfristig werde die Versorgungssicherheit nur durch ein abgestimmtes Vorgehen von Politik und Industrie gestärkt werden können.
Quelle (Englisch): https://www.rolandberger.com/en/Insights/Publications/Building-resilience-in-Europe-s-aerospace-defense-supply-chains.html

