Spaceflight Rocketry Gießen auf Höhenflug mit PIPE
Der Gießener Raketenverein Spaceflight Rocketry Gießen e.V. wurde im Jahr 2023 ins Leben gerufen. Von einer anfänglichen Idee bis hin zum ersten erfolgreichen Raketenstart im August 2024 war es ein Weg voller Herausforderungen, innovativer Ideen und gemeinschaftlichem Engagement. Die Geschichte von Spaceflight Rocketry Gießen beginnt im Januar 2023 mit einer Ideensitzung einer kleinen Gruppe von Raumfahrtenthusiasten an der Justus-Liebig-Universität Gießen. Inspiriert von der Faszination für Raketentechnik und dem Wunsch, ein eigenes Raumfahrtprojekt zu realisieren, beschloss die Gruppe, einen Verein zu gründen, um diese Visionen in die Tat umzusetzen.

Gruppenfoto von SPROG-Mitgliedern während Mitgliederversammlung, Foto: Julia Eff

SPROG-Mitglieder bei der Gesamtintegration von PIPE, Foto: Thorsten Rothert

Gruppenfoto kurz vor dem Start von PIPE, Foto: Jason Gläser

Moment des Starts von PIPE, Foto: Kevin Grüning
Nach der Ideensitzung wurde dann der Spaceflight Rocketry Gießen e.V. am 30.5. 2023 offiziell gegründet und ihm im Anschluss auch die Gemeinnützigkeit zugesprochen. Dank des Enthusiasmus und der Tatkraft der Gründungsmitglieder wuchs der Verein schnell auf über 40 Mitglieder an. Die Mitglieder stammen aus verschiedenen Disziplinen wie Maschinenbau, Elektrotechnik, Humanmedizin und Physik, was dem Verein eine breite Wissensbasis und ein interdisziplinäres Vorgehen ermöglichte. Mitmachen können alle Studierende der Justus-Liebig-Universität Gießen und der Technischen Hochschule Mittelhessen unabhängig vom aktuellen Wissensstand und der Disziplin – es werden Mitstreitende von Kommunikation bis Maschinenbau gesucht.
Der Verein organisiert sich in fünf Arbeitsgruppen (AG) und zwei Gremien. Die Arbeitsgruppen beinhalten Antrieb, Elektronik, Landesystem, Raketenkörper und Nutzlast, welche jeweils von einem Technischen Leiter oder Leiterin geführt wird. Die Leiterin oder der Leiter vertritt die AG im sogenannten „Technischen Gremium“. Für die organisatorische Arbeit auf Vereinsebene ist der Vorstand zuständig der aus einem 1. und 2. Vorstandsvorsitzenden sowie zwei Schatzmeistern besteht. Die AGs sind dem technischen Gremium unterstellt. Vorstand und Technisches Gremium arbeiten auf einer Ebene.
Der erste große Meilenstein in der Vereinsgeschichte ist die Entwicklung des Raketenprototyps PIPE (Project for Initial Practical Experimentation). Dabei sollte die
Rakete als Ziel eine Flughöhe von 500 Metern erreichen und die Funktionstüchtigkeit des selbstentwickelten Bordcomputers demonstrieren sowie ein duales Auswurfsystem für die Landung testen. Besondere Priorität lag auf der Wiederverwendbarkeit aller Komponenten, um zukünftige Starts effizienter und kostengünstiger gestalten zu können.
Der Entwicklungsprozess von PIPE war intensiv und erforderte zahlreiche Testläufe, Abänderungen und Anpassungen. Von der Konstruktion des Raketenkörpers über die Programmierung des Bordcomputers bis hin zur Integration des Dual-Deployment-Systems – jedes Teammitglied trug mit seinem spezifischen Fachwissen zum Gesamterfolg bei. Besonders herausfordernd war unter anderem die Entwicklung eines stabilen und zuverlässigen Fallschirmsystems, das die Rakete sicher zur Erde zurückbringen sollte.
Netzwerk aufbauen und nutzen
Ein wesentlicher Faktor für den schnellen Erfolg des Vereins war die enge Zusammenarbeit mit etablierten Raketenvereinen und die Präsenz auf verschiedenen Veranstaltungen. Bereits frühzeitig nahm das Team Kontakt zu anderen Hochschulgruppen auf, die sich mit Raketentechnik beschäftigen. Besonders wertvoll waren die Besuche bei ERIG aus Braunschweig und TUDSaT aus Darmstadt, wo SPROG nicht nur wertvolle Tipps erhielten, sondern auch einen Einblick in bereits etablierte Strukturen und Arbeitsweisen gewinnen konnten.
Parallel dazu nutzte das Team jede Gelegenheit, um den Verein und das Projekt der Öffentlichkeit vorzustellen. Auf Veranstaltungen wie dem Deutschen Luft- und Raumfahrtkongress (DLRK) und dem Space Creator Day wurden die Fortschritte präsentiert und wertvolle Kontakte geknüpft. Ein besonderes Highlight war außerdem die Teilnahme an der Space Tech Expo in Bremen, wo SPROG einen eigenen Stand hatten und mit zahlreichen Experten und Interessierten ins Gespräch kam.
Der erste Start
Nach monatelanger Vorbereitung und intensiver Arbeit stand nun der lang ersehnte Moment bevor: Der erste Raketenstart, der am ersten Augustwochenende 2024 stattfinden sollte. Geplant war ein viertägiges Startwochenende vom 1. bis 4. August auf dem Flugplatz Karlshöfen in Bremen. Dank der freundlichen Unterstützung der Space Rocket Technology GmbH hatte das Team die Möglichkeit, zwei Startfenster für dieses Wochenende zu nutzen. Das optimistischste Szenario sah vor, bereits am Freitag einen ersten erfolgreichen Start durchzuführen. Danach wollte das Team die Rakete am Samstag wieder zusammenbauen und alle Systeme überprüfen, um am Sonntag einen zweiten Start durchführen zu können. Doch wie so oft in der Raumfahrt, lief nicht alles nach Plan. Die Elektronik der Rakete, insbesondere das Auswurfsystem für den Fallschirm, zeigte Fehlfunktionen, welche sich zuvor unter Laborbedingungen nicht zeigten. Diese Probleme waren besonders besorgniserregend, da das Auswurfsystem entscheidend für eine sichere Landung der Rakete war und somit der gesamte Erfolg des Projekts auf dem Spiel stand. Die Stimmung im Team war zunächst gedämpft. Noch in der Nacht von Donnerstag auf Freitag trafen sich das Technische Gremium und der Vorstand zu einer Krisensitzung, um das weitere Vorgehen zu besprechen. Am Freitagvormittag wurde dann vom kompletten Team entschieden, den geplanten Start am Freitag zu verschieben, um die Zeit für eine gründliche Fehlersuche und Reparatur zu nutzen. Diese Entscheidung war alles andere als leicht, aber sie erwies sich als die richtige Wahl, um das Projekt zu retten.
Trotz der Schwierigkeiten zeigte das Team in dieser kritischen Phase einen beeindruckenden Zusammenhalt und unermüdlichen Einsatz. In den nächsten Stunden und Tage wurden die technischen Probleme analysiert und nach Lösungen gesucht: Die Elektronik wurde vollständig überprüft, das Auswurfsystem weiterentwickelt und umfangreiche Tests durchgeführt, um sicherzustellen, dass es diesmal keine Überraschungen geben würde.
Nach zwei Tagen intensiver Arbeit und zahlreichen Überstunden war es dann endlich so weit: Am Sonntag, dem 4. August 2024, konnte die Rakete erfolgreich getestet werden. Die Atmosphäre am Startplatz war sehr angespannt, aber auch voller Vorfreude. Nachdem alle startrelevanten Systeme überprüft und für funktionsfähig befunden worden waren, gab es das grüne Licht für den Start.
Der Start verlief reibungslos. Die Freude im Team war überwältigend, als sich der Fallschirm wie vorgesehen im Apogäum öffnete und die Rakete sicher und unbeschadet landete. Dieser Erfolg war nicht nur eine Bestätigung für die harte Arbeit der letzten Monate, sondern auch ein Beweis für die Fähigkeit, als Team zusammenzuhalten und technische Herausforderungen zu meistern.
Besonders erfreulich ist, dass an diesem Tag alle gesteckten Ziele erreicht werden konnten: Die Rakete funktionierte einwandfrei, das Auswurfsystem löste den Fallschirm wie geplant aus, und die sichere Landung der Rakete ermöglichte die Wiederverwendung aller Komponenten. Darüber hinaus übertraf die Rakete die Erwartungen bei der Flughöhe bei weitem: Anstelle der geplanten 500 Meter erreichte sie eine beeindruckende Flughöhe von 880 Metern.
Der erfolgreiche Start war der krönende Abschluss eines Wochenendes und Jahres voller Herausforderungen und Erfolge. Dieser erste Raketenstart markiert nicht nur einen bedeutenden Meilenstein in der Geschichte des Spaceflight Rocketry Gießen e.V., sondern gibt hat dem SPROG-Team auch das Vertrauen und die Motivation gegeben, die zukünftigen Projekte mit derselben Entschlossenheit und Hingabe anzugehen.
