08.07.2026 - DGLR Intern, Nachwuchsgruppen, ASTRA Bonn

ASTRA Bonn: Politik im schwerelosen, aber nicht luftleeren Raum

Der Weltraum öffnet sich. Sinkende Startkosten, wiederverwendbare Trägersysteme und neue kommerzielle Anbieter haben den Zugang zur Umlaufbahn in den vergangenen Jahren erleichtert. Wo Raumfahrt lange ein Feld staatlicher Großprogramme war, treten heute Unternehmen mit eigenen Satellitenkonstellationen, Geschäftsmodellen und Infrastrukturen auf.


Kick-off des Sommersemesters 2026 am 16. April 2026 mit der Einführungsveranstaltung von Raphael Hujeirat, Bild: ASTRA Bonn/Niklas Wolters

Dr. Marieluna Frank sprach über ihre Forschung im Vortrag „Private Actors in Orbit: Structural Power in Orbit“, Bild: ASTRA Bonn/Timo Klute

Sara Hadley referierte über Erdbeobachtung und Menschenrechtsverletzungen, Bild: ASTRA Bonn/Lena Utecht

Für einige ASTRA -Bonn-Mitglieder und -Veranstaltungsteilnehme ging es am 21. Mai 2026 noch in die Innenstadt zu einem gemeinsamen Essen und vertieften Austausch; Bild: ASTRA Bonn/Raphael Hujeirat

Mitglieder der Hochschulgruppe ASTRA Bonn bei der ICI Spring School: Outer Space Cooperation in the Middle East, Bild: ASTRA Bonn/Anna Strohmeier

Dieselbe Entwicklung macht Satellitensysteme jedoch zu kritischer Infrastruktur, erdnahe Umlaufbahnen zum Gegenstand geopolitischer Rivalität und den Weltraum zunehmend zu einem Feld der Sicherheits- und Verteidigungspolitik. Das Bundesverteidigungsministerium will bis 2030 rund 35 Milliarden Euro in Raumfahrt und Weltraumsicherheit investieren. Denn Öffnung und sicherheitspolitische Aufladung verlaufen nicht nacheinander, sondern gleichzeitig.

Genau hier setzt ASTRA Bonn an. Die am 5. Januar 2026 an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn gegründete Astropolitics, Strategy & Technology Research Association ist eine Nachwuchsgruppe der Deutschen Gesellschaft für Luft- und Raumfahrt (DGLR). Sie versteht sich als Ort für Fragen, die dort entstehen, wo Raumfahrt nicht nur Technik ist, sondern zugleich Infrastruktur, Geopolitik, Recht, Ökonomie und Philosophie. Die Gruppe richtet sich dementsprechend an Studierende unterschiedlicher Fachrichtungen, von den Ingenieur- und Naturwissenschaften bis zu den Rechts-, Wirtschafts-, Geistes- und Sozialwissenschaften. ASTRA Bonn ermöglicht somit, einzelne Fachkenntnisse in einen größeren Zusammenhang einzuordnen.

Dass dies in Bonn und Nordrhein-Westfalen geschieht, ist kein Zufall. Die Stadt und die Region bieten mit der Universität Bonn, dem Center for Advanced Security, Strategic and Integration Studies (CASSIS), der Deutschen Raumfahrtagentur im Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR), dem Max-Planck-Institut für Radioastronomie (MPIfR) und vielen weiteren Einrichtungen ein Umfeld, in dem akademische Analyse, institutionelle Praxis und raumfahrtpolitische Debatte eng aufeinandertreffen.

Das erste Semester

Das Sommersemester 2026 begann mit einer Auftaktveranstaltung am 16. April. Sie vermittelte zunächst Grundlagen der Raumfahrttechnik und zeigte anschließend anhand historischer Entwicklungen zentrale Risiken für orbitale Infrastruktur auf, vom Weltraumwetter bis zu gezielten Angriffen durch Akteure mit sogenannten Counterspace-Fähigkeiten. So wurde von Technik und Orbitalmechanik ausgehend der Bogen zu Strategie und Politik gespannt. Dahinter steht eine einfache Überzeugung: Wer nicht versteht, warum ein Satellit dort fliegt, wo er fliegt, und was ihn bedroht, wird auch die politischen Fragen darüber nur unvollständig erfassen.

In der zweiten Veranstaltung ging es um die Kommerzialisierung in der Raumfahrt. In raumfahrtpolitischen Debatten wird New Space häufig als Bruch mit alten Strukturen beschrieben: Agile private Unternehmen treten an die Stelle staatlicher Programme und etablierter Großakteure. Dr. Marieluna Frank, Space Consultant bei IQIB GmbH, zeigte am 30. April, dass diese Deutung zu kurz greift. Ihre Netzwerkanalyse geteilter Mitgliedschaften und Förderbeziehungen machte sichtbar, dass etablierte Akteure weiterhin zentrale Positionen in der Raumfahrtindustrie einnehmen.

Am 21. Mai ging es um eine andere Erwartung: die Vorstellung, Satellitenbilder könnten politische Gewalt gleichsam objektiv sichtbar machen. Hochauflösende Erdbeobachtung ermöglicht es heute, Menschenrechtsverletzungen und Kriegsverbrechen auch aus dem Orbit zu dokumentieren. Sara Hadley, Doktorandin am Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik an der Universität Hamburg, zeigte jedoch, warum Satellitenbilder selten für sich selbst sprechen. Ihre Interpretation erfordert lokales Wissen, fachliche Kontextualisierung und den Umgang mit Unsicherheit. Ein einzelnes Bild kann verschiedene Spektralbereiche kombinieren; politische und kommerzielle Interessen beeinflussen, was überhaupt sichtbar wird. Hinter jeder Auswertung steht ein Mensch, der analytische Genauigkeit mit der wiederholten Konfrontation mit der aufgenommenen Gewalt vereinbaren muss. Hier hat sich gezeigt, dass Erdbeobachtung nicht nur eine technische Frage ist, sondern auch eine Frage des Wissens, der Ethik und der Politik.

So verschieden die ersten Abende waren, sie teilten eine Beobachtung: Ob New Space, das vermeintlich neutrale Auge im Orbit oder die Hoffnung auf eine stabile Weltraumordnung – die
Wirklichkeit ist komplexer, vielschichtiger und konkreter als sie scheint. Diese Lücke aufzugreifen und analytisch zu bearbeiten, ist ein zentraler Anspruch von ASTRA Bonn.

Über das eigene Programm hinaus

Im Mai nahmen mehrere Mitglieder von ASTRA Bonn an der ICI Spring School „Outer Space Cooperation in the Middle East“ teil, an der unter anderem das European Space Policy Institute
(ESPI), die Deutsche Raumfahrtagentur im DLR und das CASSIS beteiligt waren. Dabei wurde deutlich, dass Raumfahrtkooperation nicht nur in großen multilateralen Entwürfen gedacht
werden muss, sondern häufig über konkrete gemeinsame Projekte entsteht. Regionale Organisationen wie die African Space Agency (AfSA), die Agencia Latinoamericana y Caribeña del Espacio (ALCE) oder die Asia-Pacific Space Cooperation Organization (APSCO) zeigen, wie solche Kooperationsformate aussehen können.

Was als Nächstes kommt

Abgeschlossen ist das Semester noch nicht. Als Nächstes widmet sich ASTRA Bonn dem Thema Weltraummüll. Technisch geht es um Trümmerdichte, Kollisionswahrscheinlichkeit und Tracking; rechtlich um Haftung, Entfernungspflichten und Zurechenbarkeit; politisch um Kooperation, Verantwortlichkeit und Dual-Use-Problematik. Der Vortrag „Space Debris: Cosmic Stories of Conflict, Cooperation and Chaos“ am 18. Juni 2026 von Dr. Vitali Braun, Ingenieur im ESA/ESOC Space Debris Office, greift damit ein Thema auf, an dem die Verflechtung von
Technik, Recht und Politik besonders deutlich wird. Darauffolgend wird am 16. Juli 2026 die philosophische Dimension des Weltraums mit einem Vortrag von Dr. Marie-Luise Heuser, Leitung des DGLR-Fachausschusses R3.6 „Raumfahrt und Kultur“, behandelt.

Für das Wintersemester 2026/27 sollen diese Linien weitergeführt werden. Neben Vorträgen von Space Law über Space Economy bis Science-Fiction und Space Policy, sind interaktive Formate geplant, darunter Tabletop Exercises und War Games mit Weltraumbezug. Sie sollen strategisches Denken unter Zeitdruck, Unsicherheit und Zielkonflikte erprobbar machen. Darüber hinaus soll mittelfristig Raum für studentische Publikationen, Policy Papers und Kooperationen mit anderen Hochschulgruppen entstehen.

In der DGLR angekommen

Dass ASTRA Bonn in die DGLR aufgenommen wurde, bedeutet für die Gruppe mehr als Sichtbarkeit. Es ist eine fachliche Verortung in einem Umfeld, das für wissenschaftliche Tiefe, technische Kompetenz und den Austausch zwischen Generationen steht. Dabei versteht sich die Gruppe als interdisziplinäre Ergänzung.

Besonders wertvoll ist für ASTRA Bonn die Nähe zur DGLR-Bezirksgruppe Köln/Bonn. Die eigenen Veranstaltungen öffnet ASTRA Bonn ausdrücklich allen DGLR-Mitgliedern. Gerade hier kann eine Brücke entstehen zwischen universitärer Ausbildung, studentischer Initiative und professioneller Luft- und Raumfahrtpraxis.

Wer den Weltraum heute verstehen will, muss bereit sein, über die Grenzen der eigenen Disziplin hinauszudenken, ohne die eigene fachliche Grundlage preiszugeben. ASTRA Bonn möchte dafür dauerhaft in Bonn einen Ort schaffen.

Autor: Raphael Hujeirat, ASTRA Bonn – Astropolitics, Strategy & Technology Research Association