Studentische Raumfahrtgruppe HyEnD jagt neue Höhenrekorde
Hybrid Engine Development (HyEnD) ist eine studentische Hochschulgruppe der Universität Stuttgart, die sich seit fast zwei Jahrzehnten der Entwicklung Höhenforschungsraketen verschrieben hat. Mit dem Weltrekordflug der N2ORTH-Rakete auf über 64 Kilometer steht HyEnD beispielhaft für die beachtlichen Errungenschaften, die begeisterte Studierende erreichen können. Neben diesen Erfolgen stellt der Beitrag zur Ausbildung angehender Ingenieurinnen und Ingenieure die zentrale Mission der Gruppe dar. Durch ihr Engagement sammeln die Mitglieder wertvolle Erfahrungen sowohl im technischen Bereich als auch in der Zusammenarbeit in einem Team. Vor diesem Hintergrund ist HyEnD auch seit Sommer 2025 eine der Nachwuchsgruppen der Deutschen Gesellschaft für Luft- und Raumfahrt (DGLR).

Mitglieder von HyEnD im Dezember 2024, Foto: HyEnd

Start der 7,8 Meter langen N2 ORTH-Rakete im April 2023 vom Weltraumbahnhof Esrange in Kiruna, Schweden, Foto: HyEnd
Die Geschichte von HyEnD begann 2006 mit dem Ziel, Hybridraketentriebwerke zu entwickeln und zu testen. Bereits 2008 führte die Gruppe die ersten erfolgreichen Triebwerkstests durch. Ein Meilenstein war 2012 die Aufnahme in das STERN-Programm des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR), durch die die Entwicklung der MIRAS-Demonstratorrakete und später der HEROS-Raketen möglich wurde. 2016 stellte die HEROS-3-Rakete mit 32,2 Kilometern einen Höhenweltrekord für studentische Hybridraketen auf. Es folgten Projekte mit flüssigem Sauerstoff im Rahmen des EXPLORE-Programms.
Mit dem Beginn der STERN-2-Förderung startete HyEnD 2019 das bis dato ambitionierteste Projekt: die Entwicklung der 7,8 Meter langen N₂ORTH-Rakete. Im April 2023 startete N₂ORTH erfolgreich vom Weltraumbahnhof Esrange (Kiruna, Schweden). Mit 64,4 Kilometern brach sie nicht nur den Höhenweltrekord für studentische Hybridraketen sondern auch den aktuellen europäischen Höhenrekord für studentische Raketen jeglicher Antriebsart.
BLAST – Flüssigrakete der nächsten Generation
An diesen Erfolg knüpft das derzeitige Hauptprojekt BLAST an. Ziel ist es, eine der leistungsfähigsten studentischen Flüssigraketen Europas zu entwickeln. Der Antrieb basiert auf einem regenerativ gekühlten Flüssigtriebwerk mit Lachgas und Ethanol, das additiv gefertigt wird. CFK-Tanks, hergestellt auf einer selbst entwickelten Wickelmaschine, sowie ein modular aufgebautes Avioniksystem mit Redundanz und Telemetrie runden das System ab.
Technische Neuerungen sind unter anderem die Entwicklung eines regelbaren Druckminderers und ein einstufiges Bergungssystem mit Reefing-Funktion, die dafür sorgt, dass sich der Fallschirm schrittweise öffnet. Damit soll BLAST auf bis zu 40 Kilometern steigen – und so den bisherigen studentischen Flüssigraketenrekord Europas zu vervierfachen.
Aktuell läuft die Entwicklung in zwei Stufen: Bevor BLAST gestartet wird, soll im Oktober 2025 bei der European Rocketry Challenge (EuRoC) die Technologiedemonstrator-Rakete LUMINA abheben.
LUMINA ist ein bedeutender Meilenstein im Rahmen des BLAST-Projekts auf dem Weg zu einem neuen Rekord. Bei der EuRoC will HyEnD den Technologiedemonstrator auf drei Kilometern Höhe steigen lassen. Der Wettbewerb bietet nicht nur die Möglichkeit, Systeme unter realistischen, zeitkritischen Bedingungen zu erproben, sondern auch den Austausch mit über 20 internationalen studentischen Teams. Der Fokus liegt auf einem präzisen, kontrollierten Flug sowie einer sauberen Integration aller Teilsysteme. In Kooperation mit der Kleinsatellitengruppe KSat, dem studentischen Satellitenteam der Universität Stuttgart möchte HyEnD eine Nutzlast mit wissenschaftlichem Mehrwert fliegen. Bei der EuRoC möchte das Team Erfahrungen für den Ende 2027 angesetzten Start der großen BLAST-Rakete in Esrange sammeln.
Technologieentwicklung
Mit mittlerweile über 20 erfolgreichen Flüssigtriebwerkstests sowie jahrzehntelanger Erfahrung im Bereich Hybridtriebwerke verfügt HyEnD über umfangreiche Expertise im Triebwerksbau. Tests werden vorwiegend in der Materialprüfanstalt (MPA) der Universität Stuttgart durchgeführt; größere Triebwerke testet das Team in Kooperation mit dem DLR in Lampoldshausen. Eine eigene mobile Plattform zum Testen von Flüssigtriebwerken, an der MPA, wurde 2024 fertiggestellt.
Die Fertigung der Raketenkomponenten erfolgt größtenteils in Eigenregie. Dabei steht die Verbindung von fertigungsgerechtem Design und Leichtbau im Vordergrund. Elemente wie CFK-Tanks, additive Bauteile, Avionikplatinen und Strukturkomponenten werden von den Studierenden selbst entwickelt, gefertigt und getestet. Dies ermöglicht kurze Iterationszyklen und ein tiefes Systemverständnis. Auch in der Forschung ist HyEnD ganze vorne mit dabei. So entwickeln die Studierenden derzeit Typ 5 Liner lose Tanks, die den neusten Stand der Technik in der Industrie darstellen.
Ausbildung, Motivation und Nachwuchsförderung
HyEnD zählt derzeit über 60 aktive Mitglieder, die sich auf sechs Subsysteme verteilen. Die meisten Mitglieder studieren Luft- und Raumfahrttechnik, aber auch Maschinenbau, Physik, Informatik oder Medientechnik sind vertreten. Besonders bemerkenswert: Neue Mitglieder benötigen keine Vorkenntnisse. Stattdessen lernen sie alle relevanten Fähigkeiten durch aktive Projektarbeit – vom ersten Semester an.
Dieser Ansatz vermittelt ein umfassendes technisches Verständnis, das dem im Studium gelernten theoretischen Wissen eine praktische Anwendung verleiht. Studierende arbeiten an kompletten Raketenprojekten – von Konzept bis Launch. Dabei entstehen regelmäßig Abschlussarbeiten in Kooperation mit Instituten, die eine Brücke zwischen universitärer Forschung und praktischer Raumfahrt schlagen. Alleine dieses Jahr wurden bereits zwei Abschlussarbeiten fertiggestellt.
Dabei ist HyEnD gut vernetzt – innerhalb der Universität, in Baden-Württemberg und darüber hinaus. Kooperationen bestehen unter anderem mit dem Institut für Raumfahrtsysteme (IRS), dem Institut für Flugzeugbau (IFB), dem DLR sowie dem Start-up HyImpulse, das von ehemaligen HyEnD-Mitgliedern gegründet wurde. Gemeinsam werden Prüfstände, Komponenten und Materialien entwickelt oder bereitgestellt.
Vorher nur als Studentenvertretung eingetragen, wurde 2020 der Verein Hybrid Engine Development e. V. etabliert, um rechtliche, organisatorische und finanzielle Unabhängigkeit zu sichern. HyEnD ist außerdem Gründungsmitglied des Bundesverbands studentischer Raumfahrt (BVSR) und arbeitet aktiv mit anderen Hochschulgruppen zusammen. Darüber hinaus engagiert sich HyEnD stark in der Öffentlichkeitsarbeit: Schülerbesuche, Universitätsevents, Ausstellungen und Kooperationen mit Medien wie 3sat, SWR oder dem YouTube-Kanal „Senkrechtstarter“ gehören zur Strategie, junge Menschen für Raumfahrt zu begeistern.
HyEnDs primäre Aufgabe bleibt jedoch die Ausbildung der nächsten Generation von Raumfahrtingenieuren. Die Projekte bilden die Basis – sie schaffen Motivation, technisches Verständnis und einen einzigartigen Lernraum. Langfristig will das Team weiterhin Rekorde aufstellen, Studierende für die Raumfahrt begeistern und ein sichtbares Aushängeschild für den Forschungs- und Bildungsstandort Baden-Württemberg sein. Mit BLAST, dem SN3-Rekordversuch und einer aktiven Teilnahme an europäischen Wettbewerben ist HyEnD dafür bestens aufgestellt.
