23.02.2026 - DGLR Intern, Raumfahrt

Beim Raumfahrthistorischen Kolloquium 2025 in Berlin

Schon seit einigen Jahren kommen geschichtsinteressierte Raumfahrinnen und Raumfahrer einmal im Jahr in Berlin zusammen. Am 29. November 2025 fand die aktuellste Ausgabe des Raumfahrthistorischen Kolloquiums in der Archenhold-Sternwarte im Berliner Ortsteil Alt-Treptow statt. Organisiert wurde die Veranstaltung auch dieses Mal von Dr. Christian Gritzner (DGLR), Dr. Olaf Przybilski (Sächsischer Verein für historisches Fluggerät e. V.) und Dietrich Spänkuch. Spänkuch begrüßte die knapp 50 Teilnehmenden und eröffnete die Vormittagssitzung.


Bild: DGLR

Von Planetenforschung zur Relativitätstheorie

Erster Vortragender war Prof. Dr. Tilman Spohn, ehemaliger Direktor des Instituts für Planetenforschung des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) in Berlin-Adlershof. Spohn war seinerzeit Vater des Marsmaulwurfs HP3 der Mission InSight und hielt einen Vortrag „Zur Geschichte der Planetenforschung in Deutschland“. Darin bot er einen Überblick von den Anfängen der Planetenforschung in Deutschland (Kopernikus, Kepler, Simon Marius) bis zur Mission PLATO (PLAnetary Transits and Oscillation of stars) der Europäischen Weltraumorganisation ESA zur Erforschung von Exoplaneten, die im September 2026 starten soll. In der BRD wurde Planetenforschung vor allem an den Max-Planck-Instituten betrieben, „allerdings mangels genügender Flugmöglichkeiten nicht in dem Maße wie andere Weltraumdisziplinen“, wie vom Wissenschaftsrat zur Evaluierung des Instituts für Kosmosforschung der Akademie der Wissenschaften der DDR (AdW) 1990 vermerkt. Ein Höhepunkt der westdeutschen Raumforschung war 1986 die Beteiligung an der ESA-Mission Giotto zur Erforschung des Kometen Halley. Die Planetenforschung der DDR war eingebunden in das Interkosmosprogramm. Schwerpunkte lagen auf der Erdbeobachtung mit der technologisch führenden MKF-6M-Kamera, der Erkundung der Venus und der Modellierung von Kometen. Durch die Wiedervereinigung wurde die deutsche Planetenforschung mit substanziellen Beiträgen an der Mars-Sonde Mars Express und der Weltraummission Rosetta wesentlich gestärkt.

In seinem Vortrag „Besuch beim ‚Herrn der Ringe‘ – die Cassini-Mission“ ging Prof. Dr. Frank Spahn der Universität Potsdam besonders auf die Entdeckung kleiner Monde mit Durchmessern von zehn bis einigen hundert Metern (Moonlets) in den Ringen A und B ein. Diese offenbaren sich durch propellerförmige Strukturen in den Ringen von bis zu mehreren tausend Kilometern in azimutaler Richtung. Sie wurden durch die Cassini-Mission entdeckt, obgleich sie bereits 18 Jahre früher vorhergesagt wurden. Die Cassini-Mission fand mehrere hundert Moonlets, sodass mit der Existenz von Millionen von ihnen in den Hauptringen Saturns gerechnet werden muss. Ein weiteres unerwartetes Ergebnis der Cassini-Mission war die Entdeckung von Kryo-Geysiren am Südpol von Enceladus, der wesentlichen Quelle für den bis zum Mond Titan reichenden „staubigen“ E-Ring. 
Das Vormittagsprogramm schloss ab mit „Einsteins Relativitätstheorie und die Raumfahrtpioniere“, einem Beitrag von Michael Tilgner  zum Einstein-Jahr. Auch unter den Raumfahrtpionieren wurde die Relativitätstheorie eifrig diskutiert. Neben begeisterter Zustimmung zum Beispiel von Johannes Winkler und Eugen Sänger gab es auch harsche Ablehnung, teils mit antisemitischem Einschlag, wie von Max Valier. Unmittelbares Resultat der Auseinandersetzung mit der Relativitätstheorie waren Winklers allgemeinen Erörterungen über Raum und Zeit und Sängers Photonenrakete.

Raumfahrtpsychologie und Gedenken an Koelle

Die erste Nachmittagssitzung, eingeleitet von Dr. Olaf Przybilski, begann mit dem Vortrag „Geschichte der Raumfahrtpsychologie“ von Prof. Dr. Dietrich Manzey, ehemals TU Berlin, Mitautor des ersten Lehrbuchs über Raumfahrtpsychologie. Die Raumfahrtpsychologie etablierte sich erst Anfang dieses Jahrhunderts. Während sie in der Sowjetunion bereits mit Beginn der astronautischen Raumfahrt Anfang der 1960er-Jahre professionell betrieben wurde, bestand in jener Zeit in den USA nur marginales Interesse. Das lag daran, dass man sich in der UdSSR auf Langzeitaufenthalte von Kosmonauten im Weltraum orientierte (Saljut-Missionen, Mir-Station), in den USA waren mit dem Apollo-Programm, Skylab und Space Shuttle nur kurzfristige Aufenthalte vorgesehen. Hier bestand hier sogar eine ausgeprägte Aversion gegenüber psychologischen Fragestellungen, die sich erst änderte, als sich US-Astronaut Norman Thagard 1995 nach seinem knapp viermonatigen Flug auf der Mir-Station über mangelnde psychologische Vorbereitung und Unterstützung beklagte. Im Vortrag wurde gezeigt, wie die Öffnung der russischen Raumfahrtprogramme für westeuropäische und amerikanische Astronautinnen und Astronauten der raumfahrtpsychologischen Forschung einen bedeutenden Impuls gab. 

Der nachfolgende Vortrag „Gedenken zum 100. Geburtstag von Prof. Dr. Heinz-Hermann Koelle (1925–2011)“ war dem Wirken eines namhaften Raumfahrtwissenschaftlers gewidmet. Dr. Fabian Eilingsfeld, (Vortragender), Senior-Projektmanager an der IABG (Industrieanlagen-Betriebsgesellschaft mbH) in Ottobrunn, Dr. Christian Gritzner, Gruppenleiter Sonnensystem-Missionen, Deutsche Raumfahrtagentur im DLR, und Prof. Dr. Hakan Kayal, Professor für Raumfahrttechnik an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg, waren Koelles Studenten und teilweise dessen Mitarbeiter an der TU Berlin. Koelle gründete 1948 die Gesellschaft für Weltraumforschung e.V. (GfW). Er organisierte den 3. Internationalen Astronautischen Kongresses 1952 in Stuttgart  und war ab 1955 in den USA im Team Wernher von Brauns als Raketeningenieur an der Entwicklung von Großraketen beteiligt. Dort avancierte er zum Systemarchitekten, der maßgeblich die Entwicklung der Saturn-Raketenfamilie prägte. Parallel editierte er das „Handbook of Astronautical Engineering“ und promovierte an der TU Berlin, wo er 1965 als Nachfolger von Eugen Sänger auf den Lehrstuhl für Raumfahrt berufen wurde.

Das Wirken von Sawatzki und Hohmann

Der zweite Teil des Nachmittagsprogramms wurde von Dr. Christian Gritzner geleitet. Im Vortrag „Albin Franz Sawatzki“ stellte Dr. Olaf Przybilski seine Recherchearbeiten zu einem wenig bekannten Akteur im Umfeld der Peenemünder Raketenentwicklungen vor, der als Fachmann für Serienfertigung in der Endphase des Dritten Reiches für die Serienfertigung der Boden-Boden-Rakete A4, auch bekannt unter V2, im unter Tage gelegenen berüchtigten Mittelwerk im Südharz verantwortlich war. 

Der letzte Vortrag kam von Dr. Wolfgang Both aus Berlin. Both erinnerte in seinem Vortrag „100 Jahre Hohmann-Bahnen“ an die 100-jährige Wiederkehr der Veröffentlichung von Walter Hohmanns Buch „Die Erreichbarkeit der Himmelskörper“ im November 1925. In diesem bildete Hohmann, angeregt durch Oberths Buch „Die Rakete zu den Planetenräumen“, die energetisch günstigsten Bahnen zu den Planeten ab. Seine Überlegungen fanden später bei den Flügen zum Mond und zu den Planeten Anwendung.

Zum Abschluss der Tagung verwies Spänkuch auf die künftigen Publikationsmöglichkeiten der Vorträge. Diese werden nicht mehr in den Abhandlungen der Leibniz-Sozietät erscheinen, sondern entweder in den Sitzungsberichten der Leibniz-Sozietät als gesonderter Band oder eingestreut in fachfremden Publikationen. In beiden Fällen sind die Veröffentlichungen über die Webseite der Leibniz-Sozietät frei zugänglich.  Das nächste Raumfahrthistorische Kolloquium wird am 28. November 2026 wieder in der Archenhold-Sternwarte in Berlin stattfinden. 

Text: Dietrich Spänkuch

Veranstalter: Stiftung Planetarium Berlin, Leibniz-Sozietät der Wissenschaften zu Berlin e. V., Deutschen Gesellschaft für Luft- und Raumfahrt (DGLR) und Sächsischer Verein für historisches Fluggerät e.V.