Entwicklungen für eine inklusive Airbus-Kabine
Flugreisen stellen für die weltweit geschätzten 1,3 Milliarden Menschen mit schweren Behinderungen eine erhebliche Herausforderung dar. Häufige Probleme sind beim Transport beschädigte oder verlorene Rollstühle sowie zu enge Kabinen und Waschräume an Bord. Eine verbesserte barrierefreie Kabinenausstattung ist notwendig, um Passagierinnen und Passagieren mit Behinderung eine sichere, komfortable und problemlose Flugreise zu ermöglichen.

Umfangreiche Analysen bei 30 Fluggesellschaften bestätigen den großen Nachholbedarf und unterstreichen die Dringlichkeit des Themas Barrierefreiheit. Auf dieser Grundlage hat der Flugzeughersteller Airbus drei zentrale Innovationsbereiche definiert:
- Nutzung persönlicher Rollstühle an Bord: Derzeit dürfen Reisende mit eingeschränkter Mobilität (Passengers with Reduced Mobility, PRMs) ihre eigenen Rollstühle nicht mit in die Kabine nehmen. Stattdessen müssen sie diese als Gepäck aufgeben, was häufig zu Beschädigungen oder Verlusten während der Reise führt.
- Optimierte PRM-Toiletten: Hier werden platzsparende Lösungen entwickelt, die den neuen Vorschriften des US-Verkehrsministeriums (Department of Transportation, DOT), entsprechen. Ziel ist es, die Barrierefreiheit zu maximieren und gleichzeitig die Auswirkung auf die Anzahl der verfügbaren Sitzplätze so gering wie möglich zu halten.
- Digitale Lösungen und Services: Apps und digitale Plattformen sollen die Barrierefreiheit an Bord weiter steigern. Diese drei Hauptbereiche bezeichnet Airbus intern als Magic Triangle. Ergänzt werden sie durch neue Standards für sogenannte taktile Schilder und Lösungen für den sicheren Transport von Rollstühlen (Erweiterung zum Magic Triangle+).
Reisen mit privaten Rollstühlen
Das Reisen mit Rollstühlen ist nicht nur für Passagierinnen und Passagiere, sondern auch für Flughäfen und Fluggesellschaften eine große Herausforderung. Rollstühle werden nach dem Einchecken häufig beschädigt oder gehen verloren (mehr als ein Prozent in den USA, 1,21 Prozent im Jahr 2024). Um das zu verhindern, arbeitet Airbus an zwei Stellschrauben: Den Reisemöglichkeiten mit Rollstuhl in der Flugzeugkabine sowie der zukünftig sicheren Verstauung eines Rollstuhls.
Um einen Rollstuhl, ähnlich anderen Verkehrsmitteln, in derFlugzeugkabine nutzen zu können, muss dieser sicher an der Flugzeugstruktur befestigt werden. Nur so kann er den Insassen unter Flugbedingungen, aber auch im Fall einer Bruchlandung, ausreichend Sicherheit bieten. Dafür müssen qualifizierte Rollstuhlbefestigungslösungen sicher in die Flugzeugkabine integriert werden.
Eine solche Integration von Passagierrollstühlen erfordert
- einen Umbau der Kabinenbereiche (beispielsweise durch Entfernen von Passagiersitzen oder anderen Elementen),
- sichere Lösungen für die technische Integration in die Kabine,
- die Zertifizierung und Qualifizierung von Rollstuhlbefestigungen und Rollstühlen gemäß den Sicherheitsstandards und -vorschriften für die Luftfahrt (wird von den Behörden geprüft) und
- Lösungen für die betrieblichen Herausforderungen bei Fluggesellschaften und Flughäfen.

Es gibt bereits mehrere Konzepte für das Reisen auf eigenen Rollstühlen (zum Beispiel Air4All oder Prime+). Da das Zertifizierungsverfahren jedoch noch nicht endgültig festgelegt wurde, ist bisher keines davon gemäß den Sicherheitsstandards zertifiziert. Die Entwicklung bei Airbus legt besonderen Wert auf Raumeffizienz und Flexibilität in der Nutzung, um negative Auswirkungen auf die Geschäftsmodelle der Fluggesellschaften so gering wie möglich zu halten. Ein Konzept ist ACCESS Beam. ACCESS Beam ermöglicht eine vorübergehende Umgestaltung der Flugzeugkabine, indem zwischen zwei Flügen Passagiersitze ausgebaut werden und Befestigungen für Rollstühle installiert werden. Ein weiteres Konzept ist das Modular Multi PurposeCompartment (MMPC), das Platz für die Rollstuhlfahrerin oder den Rollstuhlfahrer sowie eine Begleitperson bietet. MMPC kann aber – sofern kein Rollstuhl an Bord ist – auch für andere Zwecke genutzt werden, beispielsweise als Familiensitzgruppe oder für den Transport von Krankentragen. Auch Assistenztiere könnten hier gut mitreisen.
Für den Transport von Rollstühlen im Frachtraum hat Airbus den Airportainer entwickelt, der Schäden während des Transports erheblich reduzieren könnte. Die Frachtladebox ist eine sichere Aufbewahrungsmöglichkeit für Rollstühle, kann aber auch für Gepäck oder andere Güter eingesetzt werden. Sie ist mit der Frachtraumbeladung und dem Flughafenequipment kompatibel und so dimensioniert, dass sie auf Förderbänder passt.
Die verbesserte barrierefreie Toilette
Während barrierefreie Toiletten, auch PRM-Toiletten genannt, in größeren Flugzeugen mit zwei Gängen bereits vorgeschrieben sind, galt dies bislang nicht für Single-Aisle-Flugzeuge. Ursprünglich für Kurzstrecken konzipiert, werden diese zunehmend auch für Langstreckenflüge eingesetzt (beispiels-weise die A321XLR). Aus diesem Grund hat das US-Verkehrsministerium für Flüge über amerikanischem Gebiet eine neue Vorschrift erlassen, um die Barrierefreiheit für Rollstuhlfahrerinnen und Rollstuhlfahrer in Flugzeugen zu verbessern. Diese soll die Rollstuhlzugänglichkeit in zwei Schritten verbessern: Im ersten Schritt müssen Single-Aisle-Flugzeuge, die ab dem 2. Oktober 2026 ausgeliefert werden, über barrierefreie Toiletten mit bestimmten Ausstattungsmerkmalen verfügen, darunter Haltegriffe im Toilettenbereich, taktile Elemente sowie barrierefreie Rufknöpfe und Türverriegelungen, die sitzend erreicht werden können . Das Schild mit dem internationalen Symbol für Barrierefreiheit wird nur an Toiletten angebracht, die einen selbstständigen Transfer im Sitzen ermöglichen (also einen Transfer vom Bordrollstuhl auf den Toilettensitz, ohne dass die Hilfe einer Begleitperson erforderlich ist). PRM-Toiletten von Airbus in Single-Aisle-Flugzeugen sind dafür mit einem klappbaren Transfersitz innerhalb der Toilette ausgestattet.
In einem zweiten Schritt erfordert die neue Generation von Toiletten zusätzlich ausreichend Platz für einen von einer großen Assistenzperson unterstützten Transfer. Solche Toiletten sind nach US-Regeln ab dem 2. Oktober 2033 vorgeschrieben. Aufgrund des begrenzten Platzes in kleineren Flugzeugen kann jedoch die Grundfläche von Toiletten nicht ohne Weiteres vergrößert werden. Sie dürfen schließlich im Fall einer Evakuierung nicht in die erforderlichen Fluchtwege hineinragen. Außerdem muss noch genügend Platz sein, damit effiziente Kabinenabläufe gewährleistet werden können.

Aus diesen Gründen werden die folgenden Gestaltungsprinzipien angewandt:
- vorübergehende Vergrößerung des Toilettenraums durch bewegliche Wände und Klappmechanismen,
- Vergrößerung des Toilettenraums durch Umnutzung von Kabinenraum,
- vorübergehende Zusammenlegung zweier benachbarter Toiletten zu einer Toilette durch das Wegklappen der Zwischenwand.
Auf Grundlage dieser Prinzipien werden derzeit neue Toilettenkonzepte für die nächste Generation von Single-Aisle-Flugzeugen entwickelt. Menschen mit verschiedenen Arten von Behinderungen wurden direkt in die Konzeption einbezogen. Dazu wurden die Schwachstellen in Interviews identifiziert und die Konzepte durch Mock-ups und Human-Factors-Tests validiert.
Barrierefreie Hinweisschilder (Placards)
Hinweisschilder in der Flugzeugkabine sind essenziell für die Orientierung der Passagierinnen und Passagiere, die Nutzung der Equipments und die Sicherheit. Im Sinne der Barrierefreiheit hat Airbus Hinweisschilder eingeführt, die Bilder statt Text verwenden. So können auch Analphabeten und Personen mit Sprachbehinderungen deren Inhalte verstehen. Für sehbehinderte Reisende sind diese Piktogramme die auf visuellen Texten und Symbolen basieren, allerdings nicht zugänglich. Somit sind sie weiter auf die Hilfe des Bordpersonals oder anderer Personen angewiesen.
Obwohl Braille seit vielen Jahren in Airbus-Kabinen integriert ist, weist die Blindenschrift erhebliche Einschränkungen auf. Heute kann nur ein kleiner Teil der sehbehinderten Bevölkerung Braille lesen, was vor allem auf digitale Hilfsmittel und die Tatsache zurückzuführen ist, dass viele Menschen erst später im Leben ihr Augenlicht verlieren. Da Flugzeuge ein internationales Transportmittel sind, stellt die Sprachabhängigkeit eine weitere Herausforderung dar.
Dafür arbeitet Airbus an einem nutzerorientierten Ansatz, dersich auf die Entwicklung universeller taktiler Symbole für die essenziellen Hinweisschilder konzentriert. Bei Bedarf wird dies durch „Schwarzschrift“ (Normalschrift) für Elemente wie Sitzreihennummerierung ergänzt. Der Ansatz umfasst auch die Verbesserung der Kontraste und die Vergrößerung wichtiger Elemente auf Hinweisschildern, um sie auch für sehbehinderte Reisende barrierefreier zu machen.

Um die grundlegenden Anforderungen festzulegen, wandte sich Airbus mit einer Online-Umfrage an weltweit etwa 150 Verbände, die die Gemeinschaft der Blinden und Sehbehinderten vertreten. Mithilfe von über 200 Teilnehmenden konnte herausgefunden werden, welche Symbole und Icons für die Betroffenen von Bedeutung sind und der Wert der taktilen Elemente bestätigt werden. Die Teilnehmenden lieferten wertvolle Erkenntnisse darüber, welche Merkmale wie Toilettenanordnung, Sitzplatznummern oder Bedienelemente für die taktile Identifizierung am wichtigsten sind. Anschließend werden nun die Entwürfe verfeinert und in gezielten Tests mit Betroffenen auf ihre Verständlichkeit geprüft.
Digitale Lösungen für Barrierefreiheit
Ergänzend zu Hardwareprodukten wie taktilen Schildern können digitale Tools das Flugerlebnis für Reisende mit Behinderungen erheblich verbessern. Die Umfrage hob wichtige Herausforderungen hervor, wie die Orientierung in der Kabine (Auffindbarkeit von Sitzplätzen/Toiletten) und das Verstehen von Sicherheitsanweisungen, die durch digitale Anwendungen gelöst werden können. So können Passagierinnen und Passagiere unabhängig vom Bordpersonal agieren. Digitale Lösungen können personalisierte Informationen in Echtzeit bereitstellen – direkt auf das persönliche elektronische Gerät, wie Smartphone oder Tablet. Die vertrauten persönlichen Geräte schaffen einen einfacheren Zugang für die Nutzung der Lösungen. So können digitale Drittanbieter spezialisierte Lösungen in die Flugzeugkabine integrieren, ohne dass zusätzlicher Platz benötigt wird oder Änderungen an der Flugzeugstruktur erforderlich sind.
Der Schwerpunkt für die digitale Unterstützung liegt zunächst auf der Orientierung und Navigation innerhalb der Kabine. Standortbasierte Anwendungen können intelligente Markierungen in der Kabine verwenden, um akustische Anweisungen zu geben. Scannen die Reisenden einen Tag mit der Kamera des Smartphones, liefert die App Beschreibungen der Umgebung oder gibt Anweisungen für den Weg zum Sitzplatz oder zur Toilette. In einem ersten Schritt kann ein solches System eigenständig eingesetzt werden, ohne von anderen digitalen Flugzeugsystemen abhängig zu sein. Das reduziert die Komplexität und gewährleistet die Robustheit in der Luft. Diese „offline first“-Strategie bringt einen sofortigen Mehrwert und sorgt dafür, dass das Tool sich nicht aufgrund größerer Infrastrukturprogramme verzögert.
Dieser erste Anwendungsfall ist jedoch nur ein erster Schritt. Im Sinne eines vernetzten Flugzeugs könnten die Lösungen zukünftig um Funktionen für andere Behindertengruppen erweitert werden:

- Echtzeitinformationen: Bereitstellung von Echtzeitdaten für Passagierinnen und Passagiere, zum Beispiel zur Toilettenbelegung, Flugphase und zum Status der Anschnallzeichen.
- Unterstützung der Besatzung: Integration von Daten in Apps für die Besatzung, um ihnen zu helfen, einen einfühlsameren und effizienteren Passagierservice zu bieten.
- Inflight Entertainment (IFE): Entwicklung von IFE-Systemen mit barrierefreien Funktionen wie Audiobeschreibungen und Untertitel.
Diese Strategie ist wichtig, um die Fluggesellschaften zu unterstützen, den steigenden künftigen Regularien zu entsprechen. Eine Airbus-interne Umfrage unter Expertinnen und Experten bestätigt, dass unterstützende digitale Lösungen einen positiven Einfluss auf das Reiseerlebnis haben und somit mehr Menschen mit Behinderungen zum Reisen bewegen können. Einige Fluggesellschaften zeigen bereits Interesse, diese Lösungen zu testen.
Ausblick
Die umfassenden Arbeiten von Airbus zeigen eine transformative Zukunft für die Zugänglichkeit von Passagierinnen und Passagieren im Flugerlebnis auf. Die wichtigsten Erkenntnisse aus allen Abschnitten laufen in einer ganzheitlichen, dreigliedrigen Strategie – dem „Magic Triangle+“ – zusammen, um bestehende Reisebarrieren abzubauen.
Die Zukunftsvision ist ein inklusiver, nahtloser Flugverkehr, bei dem Behinderungen für Reisende kein Hindernis mehr darstellen. Deswegen soll sich die Kabine in eine intuitivere,
würdevollere und befähigende Umgebung verwandeln. Mit diesem neuen globalenStandard für Barrierefreiheit soll eine größere Anzahl der 1,3 Milliarden Menschen mit Behinderungen ermutigt werden, häufiger zu fliegen.
Dazu müssen die neu entwickelten Lösungen nun getestet und zertifiziert werden. Es folgen Flugtests mit den Anwendungen sowie persönliche Tests durch die Zielgruppen. Herausforderungen bestehen weiterhin vor allem in den Bereichen Zertifizierung, Infrastruktur und Betrieb. Die letzte Hürde wird darin bestehen, die branchenweite Einführung und Zusammenarbeit voranzutreiben. Nur so kann sichergestellt werden, dass diese Lösungen zu globalen Standards werden, von denen langfristig alle Reisenden profitieren – unabhängig von Fluggesellschaft oder Route. So soll nicht nur eine bessere Kabine entstehen, sondern auch die globale Konnektivität gefördert werden, sodass die Freude am Fliegen wirklich für alle zugänglich ist.
Das Autorenteam
Axel Becker, Manager Trend Research & Market Intelligence, Cabin Market Insights department, Airbus
Hans-Gerhard Giesa, Senior Expert for Human Factors Cabin & Cargo, Airbus
Lea-Sophie Schwieger, Leader of the Accessible Placards Project, Airbus
Hanna Urbaum, Airbus Cabin Innovation team, Airbus
Anna Bauch, Teamlead Aircraft Cabin Modules and Systems, Airbus
Quellen
https://www.transportation.gov/
https://www.who.int/news-room/fact-sheets/detail/disability-and-health
https://www.transportation.gov/airconsumer/final-rule-accessible-lavatories-single-aisle-aircraft-PDF
https://www.transportation.gov/sites/dot.gov/files/2025-03/February%202025%20ATCR.pdf
https://air4all.net/
https://aircraftedbycollins.com/prime-wheelchair-solution-solves-airline-challenge-for-accessibility
https://www.inflight-online.com/mags/TWF5L0p1bmUyMDI0_May_June_2024/index.html
https://www.transportation.gov/sites/dot.gov/files/2023-08/Final%20Rule%20Accessible%20Lavatories%20Single%20Aisle%20Aircraft%20-%2088%20FR%2050020.pdf
https://eur-lex.europa.eu/legal-content/EN/TXT/?uri=CELEX%3A32019L0882
https://www.transportation.gov/airconsumer/disabilitybillofrights#The%20Right%20to%20Receive%20Information%20About%20Services%20and%20Aircraft%20Capabilities%20and%20Limitations
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