Herausforderungen Zurzeit halten die Spannungen um das Future Combat Air Sys- tem (FCAS) sowie weitere strukturelle Probleme die Branche im Atem: Die Luftwaffe verfügt zwar über leistungsfähige Wirkmittel wie den METEOR-Lenkflugkörper, den Luft-Luft- Flugkörper IRIS-T und den Marschflugkörper TAURUS, aber nur in begrenzter Stückzahl. Der Aufbau ausreichender Munitions- vorräte erfordert erhebliche Kapazitätserweiterungen. Das ist ein Prozess, der Zeit braucht und auch neue industrielle Liefer- ketten voraussetzt. Zudem kämpft die Branche mit einem drohenden Fachkräftemangel bei Luft- und Raumfahrtinge- nieuren, Softwareentwicklerinnen für Waffensysteme und er- fahrenen Projektmanagern. Dem entgegengestellt, vollzieht Deutschland gerade einen sicherheitspolitischen Kurswechsel im Weltall, der in seiner Konsequenz historisch ist und die hei- mische Raumfahrtindustrie ins Zentrum rückt. Militärische Raumfahrt: Deutschlands historischer Kurswechsel im Orbit Es gibt eine Aussage, die viel über die aktuelle Lage der mili- tärischen Raumfahrt verrät. Als die Bundeswehr im vergange- nen Herbst auf einer Konferenz mit der Frage konfrontiert wurde, wie die Truppe mit den Verzögerungen beim europäi- schen Satellitenprojekt IRIS² umgehe, antwortete ein führen- der Weltraumkoordinator: „Dann machen wir unsere eigene Konstellation.“ Der Satz klingt nach Aufbruch, offenbart aber zugleich, wie spät Deutschland in diese Verantwortung ein- getreten ist – und wie konsequent es nun bereit ist, das zu ändern. Jahrzehntelang war die Bundeswehr im Orbit vor allem eines: Nutzerin. Navigation, Kommunikation, Aufklärung: Für nahe- zu alle weltraumgestützten Fähigkeiten war sie auf amerika- nische Systeme oder europäische Gemeinschaftsprojekte angewiesen. Bis vor Kurzem betrieb Deutschland acht bis zehn eigene Satelliten. Eine Zahl, die Fachleute als strategisch un- zureichend beschreiben. Die Strategie als Wendemarke Im November 2025 legte die Bundesregierung ihre erste Welt- raumsicherheitsstrategie vor. Gemeinsam unterzeichnet von Verteidigungsminister Pistorius und Außenminister Wade- phul, definiert das Dokument den Orbit erstmals als eigen- ständige militärische Dimension — gleichrangig neben Land, Luft, See und Cyber. Weltraumgestützte Infrastrukturen wer- den darin ausdrücklich als Teil der kritischen Infrastruktur eingestuft. Dazu zählt unter anderem das Aufklärungssatellitensystem SARah, die Nachfolge des seit 2007 betriebenen SAR-Lupe- Systems. Hauptauftragnehmerin ist OHB, in Kooperation mit Airbus Defence and Space als Unterauftragnehmer. SARah sichert heute die strategische Aufklärungsfähigkeit der Bun- deswehr. Im Juli 2024 erteilte diese zudem Airbus den Haupt- auftrag für SATCOMBw Stufe 3. Das System umfasst geostatio- näre Satelliten, das Bodensegment, den Start und den Betrieb über 15 Jahre. Die etwa sechs Tonnen schweren Satelliten sollen die Kommunikationsinfrastruktur der Bundeswehr bis in die 2040er-Jahre sichern. Der Vertrag bindet dabei gezielt deutsche Unternehmen ein, darunter OHB aus Bremen und zahlreiche kleinere Zulieferer. Beide Programme sind wichtig, reichen aber künftig nicht aus, um den gestiegenen Anforderungen moderner Gefechtsfüh- rung sowie der zunehmenden Bedrohung der Weltrauminfra- struktur gerecht zu werden. Programme wie SPOCK 1 & 2, SatComBw 4 und GISMO sollen zu einer nationalen vernetzten Multi-Orbit-Konstellation mit mehreren hundert Satelliten führen, um die in der Weltraumsicherheitsstrategie benannten Fähigkeiten für Aufklärung, Kommunikation, Raketenfrühwar- nung sowie Wehrhaftigkeit im All umzusetzen. Das Ökosystem hinter den Programmen Große Programme wie SATCOMBw 3 oder SARah sind das sicht- bare Ende einer sehr viel tieferen Wertschöpfungskette. Was ihnen vorausgeht, ist ein Netzwerk aus spezialisierten Unter- nehmen, das Deutschland von anderen Raumfahrtnationen unterscheidet: Jena-Optronik liefert Sternsensoren für Lage- und Navigationssysteme, die in nahezu jeder europäischen Raumfahrtmission eingesetzt werden. Tesat-Spacecom ent- wickelt neben Kommunikationsnutzlasten auch Lasertermi- nals für hochsichere optische Intersatellitenverbindungen – eine Technologie von wachsender Bedeutung für resiliente militärische Netzwerke. HENSOLDT steuert Sensorik und Auf- klärungstechnologie bei, LiveEO wertet Erdbeobachtungs- daten mittels KI aus. Diese Tiefe entlang der gesamten Kette ist im militärischen Kontext entscheidend. Fähigkeiten entstehen nicht isoliert, sondern im engen Austausch zwischen Systemhäusern, Zu- lieferern, Start-ups und Forschungseinrichtungen. In Hinblick auf geostrategische Verwerfungen der letzten Jahre und unter Berücksichtigung der Ambitionen Deutschlands mehr Verant- wortung für die Verteidigung in Europa zu übernehmen, ist es essenziell, dass diese Fähigkeiten weiterhin national erhalten bleiben und sogar ausgebaut werden; im Sinne einer resilien- ten und wehrhaften Weltraumsicherheitsinfrastruktur. Verteidigungsminister Pistorius und Außenminister Wadephul stellten am 19. November 2025 die erste Weltraumsicherheits strategie der Bundesregierung im Kabinett vor Luft- & Raumfahrt, Sonderausgabe 2026 25 © B u n d e s w e h r / C h r i s t o p h K a s s e t t e