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03.04.2017 - Rubrik: DGLR-Presseservice, Politik/Gesellschaft

105 Jahre wissenschaftlich-technischer Austausch in der Luft- und Raumfahrt

Am 3. April 1912 wurde die Vorgängerin der Deutschen Gesellschaft für Luft- und Raumfahrt (DGLR), die Wissenschaftliche Gesellschaft für Flugtechnik (WGF) gegründet. Damit blickt die DGLR heute auf 105 Jahre wissenschaftlich-technischen Austausch in der Luft- und Raumfahrt zurück.

2. Jahrestagung der WGL nach der Neugründung (1953)

Zum 75. Jubiläum der DGLR 1987 widmete sich die Mitgliederzeitschrift „Luft- und Raumfahrt“ der Geschichte der Gesellschaft mit einem Interview mit Prof. Dr. Hermann Blenk, der die DGLR nach dem zweiten Weltkrieg mit reaktivierte und deren Vorsitz führte. Im Interview erzählte Blenk von der Entstehung der Vereinigung und den Herausforderungen, die die deutsche Geschichte für die Luft- und Raumfahrt mit sich brachte.

Anlässlich unseres heutigen Jubiläumstages möchten wir Ihnen noch einmal einen Einblick in dieses Interview geben:

 

„Nachwuchs fördern und Tradition pflegen

Ein Interview mit Professor (em.) Dr. phil. Hermann Blenk

Professor (em.) Dr. phil. Hermann Blenk ist Ehrenmitglied der DGLR und Träger des Großen Verdienstkreuzes mit Stern des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland sowie des Ludwig-Prandtl-Ringes. Das Gespräch zwischen Professor Blenk und Dr.-Ing. Peter Hamel, Mitglied des Vorstandsrates der DGLR und Nachfolger von Prof. Blenk als Direktor des Instituts für Flugmechanik der DFVLR, fand im Juli 1987 in Braunschweig statt[…].

Unter den Philatelisten ist eine Briefmarke aus dem Jahre 1912 mit dem Schrägaufdruck „Gelber Hund" eine gesuchte Rarität[…]. Mit ihr wurde die erste deutsche Luftpost frankiert, die von August Eulers mit gelbem Stoff bespannten Doppeldecker im Rhein-Main-Gebiet befördert wurde. Wer war August Euler?

August Euler (1868-1957) war einer der ersten deutschen Ingenieure, die sich erfolgreich mit dem Bau von Flugzeugen befaßten. Die Anregung dazu kam nicht von den Brüdern Wright aus USA, sondern hauptsächlich aus Frankreich, wo „Aviateure“ wie Farman und Bleriot Flugzeuge bauten und selber erprobten.

Nachrichten über die Brüder Wilbur und Orville Wright, die am 17. Dezember 1903 ihren ersten Motorflug durchgeführt hatten, kamen nur spärlich nach Deutschland. Statt von den „Flying Brothers“ sprach man in der Presse häufig von den „Lying Brothers“. Daß diese Brüder die Ergebnisse Otto Lilienthals aus seinem später berühmt gewordenen Buch „Der Vogelflug als Grundlage der Fliegekunst“ (1889) genutzt hatten, war in Deutschland nicht bekannt.

Otto Lilienthal (1848-1896) war nach seinem Absturz (9. 8. 1896) bei den Deutschen weithin in Vergessenheit geraten, auch deshalb, weil die Erfolge des Grafen Zeppelin (1838-1917) mit seinen lenkbaren Luftschiffen die Aufmerksamkeit des ganzen Volkes auf sich gezogen hatten. Man erwartete von der Entwicklung der Luftschiffe größere und schnellere Fortschritte als von der Entwicklung der so zerbrechlich anmutenden Flugzeuge. Die „Aviateure“ wurden damals oft wie Zirkusartisten eingeschätzt, zumal da die ersten wie August Euler, Hans Grade und Hermann Dorner mit ihren Vorführungen tatsächlich wie ein Zirkus von Ort zu Ort zogen.

Zu einem solchen Flugtag ging ich im Sommer 1910 als achteinhalbjähriger Schüler mit meinem Vater und meinem älteren Bruder zu Fuß von meinem Heimatort Bad Hersfeld nach Bebra, wo Hans Grade in den Fuldawiesen seine Künste vorführte, die wegen der geringen Flughöhe manchmal nicht ganz leicht zu beobachten und zu bewundern waren.

August Euler erhielt im Februar 1910 das Flugzeugführerzeugnis Nr. 1 vom Deutschen Luftfahrerverband und gründete eine Flugschule, in der auch Prinz Heinrich von Preußen (1862-1929), der flugbegeisterte Bruder des Kaisers, schulte und das Flugzeugführerzeugnis Nr. 38 erwarb (Nov. 1910).

Wenn man einmal von der Entwicklung der Zeppeline seit 1900 absieht, die insbesondere durch die im Jahre 1908 öffentlich veranstaltete „Zeppelin-Spende“ von mehr als sechs Millionen Goldmark einen gewaltigen Aufschwung erhielt, hatte die Flugzeugentwicklung in Deutschland noch keine nennenswerten Wurzeln gefaßt. Erst unter dem Eindruck hervorragender Leistungen der von Ihnen bereits erwähnten französischen Flugzeugpioniere wachte allmählich der deutsche Pioniergeist auf. War dies auch ein Anlaß für die Gründung der Wissenschaftlichen Gesellschaft für Flugtechnik (WGF) im Jahre 1912, die zwei Jahre später in Wissenschaftliche Gesellschaft für Luftfahrt (WGL) umbenannt wurde?

Was ging voraus? Im Jahre 1897 war die „Göttinger Vereinigung zur Förderung der an gewandten Physik und Mathematik“ unter Führung des berühmten Göttinger Mathematikers Felix Klein (1849-1925) und des Elberfelder Industriellen Henry Theodor von Böttinger (1847-1920) entstanden. In dieser Vereinigung erkannte man frühzeitig die bevorstehende Entwicklung der Luftfahrt und beteiligte sich aktiv an der Gründung und Finanzierung der „Motorluftschiff-Studiengesellschaft“ (1906) unter Leitung des 1904 nach Göttingen berufenen Ludwig Prandtl (1875-1953). Auch hier dachte man zunächst mehr an die Luftschiffe als an die Flugzeuge. 1918 entstand daraus die „Aerodynamische Versuchsanstalt“ (AVA).

Das Interesse an Luftfahrtfragen war im ersten Jahrzehnt unseres Jahrhunderts in allen zivilisierten Staaten erwacht. 1909 wurde in Frankfurt am Main die erste „Internationale Luftfahrtausstellung“ (ILA) veranstaltet. Ich erinnere mich deutlich daran, daß in der Schule und im Familienkreise eifrig über diese Wunder-Ausstellung gesprochen wurde. Die Wörter ILA und HAPAG waren die ersten Kunstwörter, die ich damals in meinen aktiven Wortschatz aufnahm. Auf der ILA kamen die praktischen „Aviateure“ mit den an Flugwissenschaften interessierten Theoretikern in nähere Berührung - August Euler hielt einen vielbeachteten Vortrag -, und man vereinbarte für 1911 eine erneute Zusammenkunft. Diese Versammlung, auf der zwölf Vorträge gehalten wurden, fand vom 3. bis 5. November 1911 in Göttingen statt und muß, wie Prandtl später berichtete, unter den Teilnehmern große Begeisterung und weitgesteckte Hoffnungen hervorgerufen haben. Auf Vorschlag von Johann Schütte (1873-1940) entstand der Plan, einen besonderen Verein zur Förderung der Flugwissenschaften zu gründen. Die Gründungsversammlung, zu der die „Göttinger Vereinigung“ einlud, fand am 3. April 1912 im Preußischen Herrenhaus in Berlin unter dem Ehrenvorsitz des Prinzen Heinrich von Preußen statt. Der Verein nannte sich zunächst „Wissenschaftliche Gesellschaft für Flugtechnik“ (WGF) und änderte seinen Namen zwei Jahre später in „Wissenschaftliche Gesellschaft für Luftfahrt“ (WGL), unter dem er bald sehr bekannt wurde. Ich selber trat 1924 in die WGL ein.

Wie entwickelte sich die WGL in den Folgejahren und welche Rolle hat sie bei den Anfängen der Raumfahrt gespielt?

Der Erste Weltkrieg störte die Entwicklung der jungen WGL erheblich. Zwar wurden die Arbeiten einiger WGL-Ausschüsse wegen ihrer Kriegswichtigkeit von staatlicher Seite gefördert, die Mitgliederwerbung geriet aber ins Stocken, besonders auch, weil viele junge Interessenten Kriegsdienst an den Fronten leisten mußten und die Geheimhaltung manchen öffentlichen Bericht verhinderte. Auf die dritte Jahrestagung der WGL in Dresden im April 1914 folgte die vierte erst im April 1918 in Hamburg.

Nach dem Krieg wurden die Jahrestagungen in regelmäßiger Folge durchgeführt, und trotz der schrecklichen Inflation gelang es, die Mitgliederzahl zu verdoppeln. Einen Rückschlag gab es ab 1930 durch die bekannte allgemeine Wirtschaftskrise.

Raumfahrtfragen haben meines Wissens auf den Jahrestagungen der alten WGL nur ein einziges Mal zur Diskussion gestanden, und zwar 1928 in Danzig. Hans Lorenz, Professor der Mechanik an der TH Danzig, hielt einen Doppelvortrag: „Der Raketenflug in der Stratosphäre“ und „Die Ausführbarkeit der Weltraumfahrt“. Beide Vorträge endeten mit der Feststellung, daß Weltraumfahrt eine recht fragliche Angelegenheit sei und die Zeit für einen erfolgreichen Raketenflug außerhalb der Lufthülle unserer Erde jedenfalls noch nicht gekommen sei. Zum zweiten Vortrag lieferte Hermann Oberth, damals Physik-Professor in Rumänien, einen längeren Diskussionsbeitrag, in dem er konstruktive Einzelheiten für ein Weltraumfahrzeug erörterte und die praktischen Möglichkeiten eines Weltraumfluges viel optimistischer einschätzte als Hans Lorenz.

Ich habe an der Jahrestagung der WGL in Danzig nicht teilgenommen, hörte aber hinterher von Teilnehmern, daß die Ausführungen Oberths von den meisten Teilnehmern mit großer Skepsis, wenn nicht mit Ablehnung aufgenommen wurden. Nun, die Entwicklung hat Oberth recht gegeben.

Wissenschaftlich-technische Prognosen aussprechen oder ablehnen ist immer ein gewagtes Unternehmen. Ich wage heute die Prognose, daß ein bemannter Flug zum Mars und zurück innerhalb der nächsten 30 Jahre durchgeführt wird, daß es aber über den Mars hinaus keine bemannte Raumfahrt für uns Menschen geben wird.

1936 wurde die WGL durch die Lilienthal- Gesellschaft abgelöst. Wie kam es dazu?

Meines Wissens ist über die Ablösung der alten WGL durch die Lilienthal-Gesellschaft (LGL) noch nie ausführlich berichtet worden. Nach meiner Erinnerung gab es 1933  zwischen dem Reichskommissariat für die Luftfahrt, später Reichsluftfahrtministerium (Göring, Milch, Udet, Baeumker), und dem Vorstand der WGL (Schütte, Wagenführ, Prandtl) erhebliche Meinungsverschiedenheiten über die notwendigen Aktivitäten, z. B. über die Tätigkeit der Fachausschüsse. Baeumker gründete kurzerhand (28. 4. 1933) einen neuen Verein, die „Vereinigung für Luftfahrtforschung“ (VLF) und übertrug ihr Aufgaben, die bisher von der WGL wahrgenommen worden waren. Man kürzte die Zuschüsse für die WGL, so daß das Organ der WGL, die „Zeitschrift für Flugtechnik und Motorluftschiffahrt“ Ende 1933 ihr Erscheinen einstellen mußte.

Während in der alten WGL nur dann Fachausschüsse eingerichtet worden waren, wenn interessierte Mitglieder Vorschläge dafür machten und sich selber für die Arbeit zur Verfügung stellten, wurde in der VLF das Gesamtgebiet der Flugwissenschaften systematisch aufgeteilt und für alle Teilgebiete Ausschüsse eingerichtet, Vorsitzende und Stellvertreter berufen. Die VLF hatte keine festen Mitglieder, auch ihre Ausschüsse nicht. Die Vorsitzenden der Fachausschüsse bestimmten für jede Sitzung den Teilnehmerkreis.

Bis 1936 arbeiteten WGL und VLF nebeneinander bzw. gegeneinander. Die WGL gab 1935/36 ihr letztes Jahrbuch heraus, die VLF 1935 ihr erstes und zugleich letztes Jahrbuch. Die WGL beschloß 1936 auf schriftlichem Wege ihre Auflösung und die Überführung ihrer Mitglieder in die neu gegründete Lilienthal-Gesellschaft, die in der Öffentlichkeit als Fusion zwischen WGL und VLF vorgestellt wurde.

Bei der Gründung der LGL wurden Johann Schütte und Felix Wagenführ Ehrenmitglieder der neuen Gesellschaft, Ludwig Prandtl Mitglied des dreiköpfigen Präsidiums.

Welche herausragenden Aktivitäten führte die Lilienthal-Gesellschaft im Zeitraum 1936 bis 1945 durch?

In diesen neun Jahren war dank der Bemühungen von Adolf Baeumker die deutsche Luftfahrtforschung bestens durchorganisiert und finanziert. Die Fachausschüsse der Lilienthal-Gesellschaft, die das Gesamtgebiet der Luftfahrttechnik und alle Randgebiete fast lückenlos abdeckten, tagten regelmäßig und führten die Interessenten aus Industrie und Forschung in kleinen arbeitsfähigen Gruppen immer wieder zusammen. Die Jahrestagungen der Lilienthal-Gesellschaft 1937 in München und 1938 in Berlin, Göttingen und Kassel waren neben ihrer wissenschaftlich-technischen Bedeutung gesellschaftliche Ereignisse von hohem Rang. Dabei lernte ich 1938 in Berlin auch Charles Lindbergh persönlich kennen. Er machte menschlich einen überaus sympathischen Eindruck, nicht anders als im Sommer 1945, als er an einem Sonntagnachmittag in mein Haus in Braunschweig-Lehndorf kam, um sich über Mitarbeiter aus der Luftfahrtforschungsanstalt (z. B. Theodor Zobel) Informationen zu erbitten. In Göttingen war ich an der Führung der prominenten ausländischen Tagungsteilnehmer beteiligt, von denen sich einige die seit 1933 eingetretenen Erweiterungen der AVA sehr mißtrauisch anschauten. Während wir Deutschen diese Erweiterungen im Rahmen des allgemeinen Aufbaus für ganz natürlich ansahen, vermuteten kritische Ausländer darin Vorbereitungen zum Kriege.

Im Reichsluftfahrtministerium hatte die von Baeumker geleitete Forschungsabteilung trotz allem keinen leichten Stand. Bei Umorganisationen wurde diese Abteilung immer niedriger angesiedelt, bis es Baeumker schließlich zu viel wurde. Es gelang ihm, seine Abteilung als „Forschungsführung“ zu verselbständigen und aus der Hierarchie des Ministeriums auszugliedern, und das alles mitten im Kriege.

Wie ging es nach der Katastrophe des zweiten Weltkriegs weiter? Wurde die LilienthaI-Gesellschaft aufgelöst?

Nein, die Lilienthal-Gesellschaft wurde 1945 von den Siegermächten nicht aufgelöst, ebensowenig wie die eingetragenen Vereine „DVL“, „LFA“, etc. Praktisch kam aber das Verbot jeglicher Betätigung auf dem Luftfahrtgebiet, das sogar für die Institute der Technischen Hochschulen verfügt wurde, einer Auflösung gleich.

Die juristische Auflösung der Lilienthal-Gesellschaft kam auf einer eigens zu diesem Zweck einberufenen Mitgliederversammlung in München erst am 26. 2. 1957 zustande. Leider gelang es damals nicht, das „Erholungsheim der Luftfahrtforschung“, Schloß Pullach bei Bad Aibling in Oberbayern, von der Lilienthal-Gesellschaft auf die neue WGL zu übertragen; es ging meines Wissens zurück in den Besitz des Freistaates Bayern, von dem es der Lilienthal-Gesellschaft während des Krieges überlassen worden war.

Die WGL wurde im Jahre 1952 von Ihnen wieder ins Leben gerufen. Die Mitgliederversammlung fand dazu in Braunschweig statt, und Sie führten während der ersten sechs schweren Jahre des Aufbaus den Vorsitz der WGL. Gleichzeitig gründeten Sie das Jahrbuch der WGL und die Zeitschrift für Flugwissenschaften, die bis heute - wenn auch in leicht geänderter Form - erscheinen. Welches sind Ihre besonderen Eindrucke und persönlichen Erlebnisse vom damaligen Neubeginn?

In den Jahren 1948 bis 1952 traf ich mich monatlich etwa einmal mit den Kollegen Heinrich Koppe, Kurt Löhner, Hermann Schlichting und Hermann Winter - Otto Lutz kam erst später dazu -, um uns über Neuigkeiten auf dem Luftfahrtgebiet gegenseitig zu unterrichten und zu überlegen, ob und wann ein neuer Anfang in Deutschland gewagt werden könne. Etwa 1950 oder 1951 entstand innerhalb des VDI eine Arbeitsgemeinschaft für Luftfahrttechnik (ALT), die es sich zur Aufgabe machte, die durch den Krieg entstandenen Lücken in unserer Literaturkenntnis zu schließen. Initiatoren dieser ALT waren nach meiner Erinnerung Richard Schulz und Wilhelm Pleines. Wir Braunschweiger beteiligten uns an den Arbeiten der ALT, überlegten aber gleichzeitig, ob man sich mit einer VDI-Arbeitsgemeinschaft begnügen könne oder ob nicht doch ein selbständiger Verein wie die WGL von 1912 oder die Lilienthal-Gesellschaft von 1936 wieder ins Leben gerufen werden müßte. Heinrich Koppe war der stärkste Vorkämpfer für die Wiedergründung der WGL, und ihm gelang es auch, den damaligen Rektor der TH Braunschweig, Paul Kößler (1896-1987) dafür zu gewinnen, seitens der TH zusammen mit dem VDI eine Einladung zu einer luftfahrtwissenschaftlichen Tagung in Braunschweig herausgehen zu lassen. Diese Tagung fand im April 1952 statt und wurde ein voller Erfolg. Die WGL wurde - 40 Jahre nach ihrer Erstgründung 1912 - erneut gegründet.

Während des Jahres 1952 wickelte sich der gesamte Geschäftsverkehr der neuen WGL in meinem Hause in Braunschweig-Lehndorf ab, und alle Schreibarbeiten erledigte meine Frau. Bis Ende 1952 war die Mitgliederzahl auf rund 300 gestiegen, und auf dem Bankkonto der WGL hatten wir 11 618,18 D-Mark angesammelt. Wir, d. h. der Vorstand der WGL - außer mir Walter Blume und Wilhelm Sondermann - wagten es, mit diesem Kapital und in Erwartung angemessener Zuschüsse von staatlicher Seite, zum 1. Januar 1953 eine Geschäftsstelle einzurichten, einen Generalsekretär und eine Sekretärin einzustellen. Der Generalsekretär, Flugkapitän Will Ennenbach, widmete sich seiner neuen Aufgabe mit vollem Einsatz und mit außerordentlichem Geschick. Der Erfolg blieb nicht aus und zeigte sich bereits auf der Jahrestagung in Göttingen im Mai 1953. Hier konnten sowohl das WGL-Jahrbuch 1952 als auch das erste Heft der „Zeitschrift für Flugwissenschaften – ZFW“ (beide im Verlag von Friedr. Vieweg & Sohn, Braunschweig) vorgelegt werden. Die Göttinger WGL-Tagung von 1953 ist mir in besonders guter Erinnerung geblieben. Zahlreiche deutsche Fachleute, zum Teil aus dem Ausland, die bis Kriegsende in ständiger Verbindung miteinander gestanden und gearbeitet hatten, trafen sich hier nach achtjähriger Pause zum ersten Male wieder. Die Tagung nahm den Charakter einer großen Familien- und Wiedersehensfeier an.

Nach dem Krieg war es naturgemäß besonders schwierig, die Öffentlichkeit, aber insbesondere auch die Jugend und den wissenschaftlichen Nachwuchs, an die Ziele einer nationalen Luft- und Raumfahrt heranzuführen. Welche besonderen Maßnahmen hatten Sie und die WGL ergriffen, um dieser Problematik mit Erfolg Rechnung zu tragen?

In Erinnerung an die Preisausschreiben der alten WGL aus den Jahren 1925 und 1927, an denen ich mich mit meinem Studienfreund Fritz Liebers (1898-1936) erfolgreich beteiligt hatte, bemühte ich mich um Sondermittel für wissenschaftliche Preisausschreiben und auch um Mittel zur Erneuerung der Otto-Lilienthal- und Ludwig-Prandtl-Preise, die von der Lilienthal-Gesellschaft jährlich einmal vergeben worden waren. Der Otto-Lilienthal-Preis war für einen Abiturienten gedacht, der Luftfahrttechnik studieren wollte, der Ludwig-Prandtl-Preis für Schulen, die im Physik-Unterricht auch die Flugwissenschaften, zum Beispiel die Strömungsmechanik, behandelten. Sowohl das Bundesverkehrsministerium als auch die Wirtschaftsministerien von Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen und der Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft stifteten entsprechende Beträge.

An den Sitzungen des Preisgerichts für den Otto-Lilienthal-Preis, bei denen die Bewerber einer zusätzlichen mündlichen Prüfung unterzogen wurden, nahm ich meistens selber teil, und ich erinnere mich, dabei erstaunliche Talente bei Abiturienten erlebt zu haben. Oft haben wir bedauert, immer nur einen Otto-Lilienthal-Preis vergeben zu können. Der Ludwig-Prandtl-Preis für Schulen wurde meistens auf mehrere Schulen aufgeteilt. 1954 fielen 1000 Mark auf die Volksschule in Oberthölau bei Marktredwitz in Oberfranken. Wie mögen sich Lehrer und Schüler über eine solche Auszeichnung damals gefreut haben!

Ich glaube, daß die verhältnismäßig geringen Mittel, die mit diesen Preisausschreiben an die Jugend vergeben wurden, sich vielfach bezahlt gemacht haben.

Heute ist die Deutsche Gesellschaft für Luft- und Raumfahrt (DGLR) als Nachfolgegesellschaft der WGL eine international angesehene und integrierte nationale Vereinigung der Flugwissenschaften, deren Mitglieder sich aus Vertretern der Hochschulen, Forschungseinrichtungen, Industrie und Ministerien mit nachgeordneten Behörden zusammensetzen. Welche Anlässe und Persönlichkeiten haben dieser erfolgreichen internationalen Zusammenarbeit besonders genützt?

Zu dieser Frage müßte ich einen langen Bericht schreiben, wenn ich der vielen Helfer beim Auf- und Ausbau der neuen WGL gedenken wollte. Ich muß mich mit wenigen Hinweisen begnügen.

Auf der Jahrestagung 1953 in Göttingen verkündete Bundesverkehrsminister Seebohm in einer großangelegten Rede die Stellung der Bundesregierung zu Luftfahrtforschung, Luftfahrttechnik und Luftverkehr und gab damit eine wichtige Starthilfe für unsere Arbeit. Die WGL bildete eine besondere Kommission zur Begutachtung der Forschungsanträge, die beim Verkehrsministerium eingingen. Jährlich wurden damals etwa zwei Millionen Mark ausgeteilt. Für uns Braunschweiger war es nützlich, daß Seebohm zur gleichen Zeit Präsident der Industrie- und Handelskammer in Braunschweig war und an deren Sitzungen an jedem Montag teilnahm. So konnten wir ihn häufig persönlich sprechen, manchmal erst abends nach 22 Uhr.

Auf der Jahrestagung 1954 in Duisburg sprach der nordrhein-westfälische Staatssekretär Prof. Leo Brandt über „Die Bedeutung der Luftfahrt für den Wiederaufbau Deutschlands“. Er war der große Förderer des Neuaufbaus der Deutschen Versuchsanstalt für Luftfahrt (DVL), zuerst 1912 gegründet und bis Kriegsende 1945 in Berlin-Adlershof ansässig, jetzt am Flughafen Köln-Wahn nach den Plänen von Friedrich Seewald, August-Wilhelm Quick und anderen im Aufbau. Zusammen mit Leo Brandt erarbeitete ich 1956 eine Denkschrift der Deutschen Forschungsgemeinschaft zur Lage auf unserem Fachbereich.

Große finanzielle Unterstützungen erhielt die WGL und später die WGLR aus den jährlichen Haushalten des Bundesministeriums der Verteidigung; insbesondere durch den persönlichen Einsatz von Theodor Benecke und Albert Wahl.

Besonders wichtig war es für uns Deutsche, neue Beziehungen zu ausländischen Kollegen und Institutionen zu knüpfen. Mit Freude begrüßten wir daher Theodore von Kármán (1881-1963) auf der Jahrestagung 1954 in Duisburg […]. Wir kannten ihn aus der Zeit zwischen den Kriegen als kritischen Fachgenossen, hatten ihn 1945 an der Spitze einer amerikanischen Kommission zur Ausbeutung deutscher Forschungsergebnisse von einer weniger angenehmen Seite kennengelernt und mußten nun nochmals umlernen. Durch seine Vermittlung wurden ab 1955 deutsche Vertreter in die Advisory Group of Aeronautical Research and Development (AGARD) aufgenommen, als erste Theodor Benecke und August-Wilhelm Quick. Im April 1956 konnte die WGL eine besonders gelungene AGARD-Tagung in München über „History of German Guided Missiles Development“ ausrichten, die von Theodor Benecke initiiert wurde. An der Begründung der Internationalen Luftfahrt-Kongresse (1958 Madrid, 1960 Zürich, 1962 Stockholm etc.) waren wir Deutschen von Anfang an beteiligt. Ich nahm als deutscher Vertreter im Januar 1957 an der Gründungssitzung des International Council of Aeronautical Sciences (ICAS) in New York teil, wo ich den bedeutenden amerikanischen Förderer von Kunst und Wissenschaft, Harry Guggenheim, kennenlernte. Zur Zeit ist als erster Deutscher Boris Laschka Präsident des ICAS.

Auch die mit Franzosen und Engländern geknüpften Kontakte waren für unsere Arbeit außerordentlich wichtig. Ich denke dabei besonders an Maurice Roy und Jules Jarry auf französischer Seite und an Sir Handley Page und Gustav Lachmann auf britischer Seite. Von den zahlreichen deutschen Fachleuten, die am Aufbau der WGL mitwirkten, möchte ich nur Günther Bock (1898-1970) und Werner Schulz (1909-1984) nennen. Beide waren mehrere Jahre in russischer Kriegsgefangenschaft. Günther Bock übernahm 1958 den Vorsitz des Vorstandes. Werner Schulz kümmerte sich ab 1953 um das Schrifttum der WGL (Jahrbücher und Zeitschrift für Flugwissenschaften). Durch seine große Sorgfalt als Schriftleiter machte er sich hochverdient.

Lieber Herr Blenk, am 9. Dezember 1986 begingen Sie Ihren 85. Geburtstag. Sie können damit wie kein anderer auf einen Zeitabschnitt zurückblicken, der von der Entwicklung der ersten Flugapparate bis hin zum Betrieb der ersten Raumtransporter reicht. Sie haben aktiv teilgenommen an der Verwirklichung des uralten Menschheitstraums vom Fliegen, der bis dahin nur von der Natur, den Pflanzen und Tieren, so unnachahmlich beherrscht wurde. Ebenso fallen in dieses Zeitalter der Luft- und Raumfahrt die wechselnden Wirren zweier Weltkriege mit ihren wirtschaftlichen und gesellschaftspolitischen Katastrophen. Wenn Sie aus heutiger Sicht die Ziele und Geschicke der DGLR verfolgen, welche Botschaft würden Sie an den Vorsitzenden der DGLR, Prof. Gero Madelung, und seinen Vorstand zum 75. Jahr der Gründung richten?

Pflegen Sie die Kommunikation zwischen den Fachleuten im nationalen und internationalen Bereich, möglichst mit allen an Luft- und Raumfahrt interessierten Ländern in West und Ost, in Nord und Süd.

Fördern Sie die Nachwuchskräfte durch Stellung interessanter wissenschaftlich-technischer Fragen und durch angemessene Preise für deren Lösung!

Pflegen Sie die Tradition, die bei uns in Deutschland durch die Kriege zweimal bedauerlich unterbrochen wurde, und widmen Sie auch der Geschichte unseres Interessenbereichs immer einige Aufmerksamkeit. Vergessen Sie nicht, daß auch die Öffentlichkeit einen Anspruch auf Unterrichtung über die Arbeit und die Ziele der DGLR hat, und versorgen Sie die Presse und das Fernsehen mit sorgfältig ausgewählten zuverlässigen Nachrichten!

Sorgen Sie zu Ihrem Teil dafür, daß die friedliche Nutzung unserer Arbeit immer mehr die nicht-friedliche verdrängt!“

Quelle: Luft- und Raumfahrt (3/1987): Nachwuchs fördern und Tradition pflegen, S. 18-21