DGLR-News Meldung

16.11.2017 - Rubrik: Politik/Gesellschaft

Die Kunst der Planetenforschung

Wie ist das Sonnensystem entstanden? Sind wir alleine im All? Und wie können wir außerirdische Lebensformen wissenschaftlich nachweisen? Diese Fragen beschäftigen Wissenschaftler und Laien gleichermaßen. Die Planetenforschung arbeitet daran, Antworten zu finden.

Bild: DLR (CC-BY 3.0)

Zahlreiche Missionen und Projekte zur Erforschung unseres Sonnensystems und den benachbarten Planetensystemen haben ein vielschichtiges Bild unseres Universums gezeichnet und die Fachleute Stück für Stück immer näher zu den Antworten auf die Fragen gebracht. Prof. Tilman Spohn, bis Ende Oktober Leiter des Instituts für Planetenforschung des Deutschen Zentrums für Luft und Raumfahrt (DLR), und Prof. Heike Rauer, die das Forschungsinstitut seit dem 1. November 2017 leitet, sind überzeugt, dass die Entdeckung von konkreten Hinweisen auf weitere Lebensformen nicht mehr lange auf sich warten lassen wird. Hier sprechen sie über die Faszination der Planetenforschung, die Kraft der Bilder, aktuelle und vergangene Missionen und über Süßigkeiten.

Das Gespräch führte Julia Heil

Wie sind Sie zur Planetenforschung gekommen?

Spohn: Bei mir war es ein gewundener Weg. Als ich jünger war, habe ich mich eigentlich für Kunst und Theater interessiert. Mein Vater hat allerdings darauf bestanden, dass ich etwas Solides lerne. Also wollte ich mich für Architektur einschreiben, das hat aber nicht geklappt. Dann habe ich mich an ein Buch erinnert, das ich kurz zuvor gelesen hatte, "Die moderne Physik", weshalb ich mich letztendlich in Mainz für Physik eingeschrieben habe. Dabei bin ich dann geblieben. Zur Planetenforschung bin ich in Amerika gekommen, wo ich meinen Post Doc gemacht habe. Auf einer Tagung habe ich die Aufnahmen der Voyager-Sonde von Saturn und seinen Monden gesehen und war verloren.

Rauer: Nach der Schule wollte ich eigentlich Kunst studieren, bekam aber zunächst keinen Platz. Deshalb habe ich mich daran erinnert, was mich als Kind schon immer fasziniert hat: die Apollo-Mission und Skylab. So habe ich mich letztendlich für Physik entschieden. Als ich dann nach einem Jahr einen Studienplatz für Kunst gehabt hätte, wollte ich schon nicht mehr zurück.

Kunst und Planetenforschung, wie passt das zusammen?

Rauer: Bilder sind für uns ein wichtiges Medium, um zu transportieren, was wir tun. Wir können echte, reale Bilder von fremden Planeten oder Asteroiden liefern. Diese regen die Fantasie der Menschen an, über den wissenschaftlichen Nutzen hinaus. Das ist es auch, was meiner Meinung nach die Faszination an Raumfahrt ausmacht. Wir "fahren" in fremde Welten und kommen mit Bildern wieder zurück. Diese haben durchaus auch einen künstlerischen Aspekt. Ich habe beispielsweise schon einmal mit Studenten aus dem Institut eine kleine Vernissage gemacht, bei der sie ihre Forschungsarbeiten aus der Sicht eines Künstlers betrachten sollten.

Wir sehen die Bedeutung von Bildern auch auf dem Gebiet der extrasolaren Planeten. Die sind so weit weg, dass wir nicht hinfliegen können. Deshalb sind wir bei der Darstellung unserer Messwerte auf Künstler angewiesen. Menschen sind visuell orientiert, dementsprechend bleiben ihnen Bilder am besten im Gedächtnis. Es ist allerdings nicht so, dass die Forschung hauptsächlich über die Bilder gemacht wird. Meist arbeiten viele Institutionen zusammen an Messdaten verschiedenster Instrumente, um zu den wissenschaftlichen Ergebnissen zu kommen.

Zehn Jahre war die Mission Rosetta unterwegs, bis sie ihr Ziel erreichte. Wie ist es für Sie, wenn Sie dann endlich die ersten Informationen von solchen Missionen und neue Einblicke in verborgene Welten erhalten?

Spohn:
Es ist natürlich auch für uns immer wieder faszinierend, wenn wir das erste Mal die realen Bilder und Messdaten sehen. Ich erinnere mich gut daran wie überrascht ich war, als ich die ersten Aufnahmen von Pluto gesehen habe, die von der Sonde New Horizons 2015 zur Erde gefunkt wurden. Bei dem Kometen Churyumov-Gerasimenko, den wir mit der Rosetta-Mission erkundeten, habe ich mich über seine raue Morphologie regelrecht erschreckt. Ich fragte mich, wie meine Kollegen auch, wie wir mit der Philae-Sonde jemals darauf landen sollten.

Man bildet sich zwar gerne ein, zu wissen, wie jene fernen Orte beschaffen sind. Viele haben ja auch gedacht, dass andere Sonnensysteme unserem ähneln würden. Aber jedes Mal, wenn wir irgendwo hinkommen, wo wir noch nicht waren, ist es immer ganz anders, als wir es uns jemals hätten vorstellen können. Wenn ich zum Beispiel an den Asteroiden Vesta denke, bei dem wir nie gedacht hätten, dass es eine solch zweigeteilte Struktur mit ausgeprägten Riefen um den Äquator gibt. Das fasziniert uns ein Leben lang. Uns und auch die jungen Leute, die hier ans Institut kommen.

Rauer: Unsere heutige Zeit ist sehr spannend. Angefangen von der Voyager-Mission an den Rand unseres Sonnensystems bis zur Erforschung der Exoplaneten, die ein völlig neues Bild auf die Planetenforschung geworfen haben. Bei allen haben wir immer wieder Überraschungen erlebt. Heutzutage wachsen die Gebiete immer mehr zusammen. Die Forschung trennt immer weniger, ob ein Planet innerhalb unseres Sonnensystems ist oder nicht. Wir können heute viel weiter ins Universum schauen als noch vor fünfzig Jahren. Aktuell bauen wir gerade die PLATO-Mission, die gezielt nach extrasolaren Planeten suchen soll, auf denen sich Leben entwickelt haben könnte. Das ist ein weiterer Schritt zur Beantwortung der großen Frage, ob wir allein im Universum sind. Ich persönlich bin überzeugt, dass Leben auf anderen Planeten existiert, wir müssen es nur finden und dann auch erkennen. Deshalb freue ich mich schon jetzt auf eine zukünftige Mission, die Biosignaturen bei den Exoplaneten nachweisen wird, auch wenn ich dann vielleicht nicht mehr aktiv mitwirken kann.

Spohn:
Planetenforschung ist immer auch Forschung über Generationen hinweg. Manche Kolleginnen und Kollegen, die damals die Rosetta-Mission an den Start gebracht haben, sind heute leider nicht mehr mit uns. Trotzdem haben sie gerne in Kauf genommen, dass sie das Ende der Mission, die sie begonnen haben, möglicherweise nicht mehr aktiv mitverfolgen können. In gewisser Weise machen wir das auch. BepiColombo, eine Mission, die mir sehr am Herzen liegt, werden jetzt andere Leute starten dürfen.

Wenn Sie von heute in die Zukunft blicken, worauf freuen Sie sich besonders?

Rauer: Die nächsten zehn Jahre werden sehr interessant. Wir werden mit BepiColombo zum Merkur fliegen, mit der ExoMars-Mission nach Spuren von Leben auf dem Mars suchen, die CHEOPS-Mission wird Exoplaneten genau charakterisieren und PLATO wird dies schließlich für Planeten machen, die tatsächlich der Erde ähneln könnten…

Spohn: …die InSight-Mission wird ein geophysikalisches Observatorium auf dem Mars errichten und unsere Wärmeflussonde HP3 wird sich in die Marsoberfläche bohren. Der ExoMars-Rover Pasteur wird auf dem Planeten nach Lebenspuren suchen und dabei die Daten von Mars Express nutzen. Darüber hinaus wird die JUICE-Mission auf dem Weg zum Jupiter sein, um dessen Monde zu untersuchen. Das sind nur einige der Missionen, an denen wir zurzeit konkret arbeiten. Andere sind in der Planung. Es wird abwechslungsreich und spannend bleiben. Der Geophysiker Maurice Ewing sagte einmal, dass die Geophysik wie ein Candy-Store sei, aus dem man sich umsonst so viel mitnehmen könne, wie man möchte. Wenn das stimmt, dann ist die Planetenforschung ein Süßigkeiten-Warenhaus.

Rauer: Eins ist in jedem Fall sicher: Bei all diesen Missionen, Projekten und Vorhaben wird es immer wieder Überraschungen geben.

Quelle: http://www.dlr.de/dlr/desktopdefault.aspx/tabid-10081/151_read-25081